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So stieg ich bald unter einem Laubdach von Bäumen aus und auf der gemauerten Hausbank gegenübersaßen auf den typischen, handgewebten Teppichen einige Männer in grauer Galabyia. Davor eine kleine Straße und gegenüber Pferde und Wagen und ein Kamel und so allerlei Treiben. Das hat mir natürlich gleich gut gefallen, und da ich sozusagen ein Entré durch den Taxler hatte, saß ich bald mit auf der Bank, trank den Tee mit Minze, süß und heiß und genauso, wie ich ihn mag. Frauen sah ich keine weit und breit, nur viel männliches Volk zwischen acht Jahren und scheintot. Ich ließ es mir gut gehen, der Taxler war endlich weggefahren, ohne dass ich seine Nummer aufgeschrieben hatte oder er meine bekommen, denn er wollte mich zunächst unbedingt wieder abholen, irgendwann, wie er sagte. Er lungerte eine Weile herum, dann war er verschwunden. Ein Bursche kam und brachte Frühstück: Joghurt, einen Teller mit grünen Salatblättern einen Packen Fladentaschen. Sie legten es auf einen gemauerten Abstellplatz vor der Bank und ich wurde zum Frühstück eingeladen. Aber ich lehnte dankend ab, verwies auf den Tee und darauf, dass ich schon gefrühstückt hatte. So bekam ich flugs einen neuen Tee und drei Männer setzten sich zusammen, um sich ihrem Frühstück zuzuwenden. Sie rissen das Brot in Stücke, tauchten diese in den Joghurt und aßen grüne Blätter und Käsescheiben, die in einem Papier danebenlagen, dazu. Danach kam der Tee. Ein halbwüchsiger Junge machte einen katzengleichen Sprung an einem Baumstamm hoch und griff sich eine kleine Tüte aus einer Astgabel. Holzkohle. Klar, für die Shisha. Er richtete sie zu, schwenkte die Kohle in einer Kelle hin und her, um sie, durch den Wind angefächelt, zum Brennen zu bringen. Bald legte sich ein aromatischer Duft um die anderen Gerüche. Tabak glomm und noch etwas, das sonst nicht darunter gemischt ist. Der Mann in der weißen Galabyia setzte sich wieder zu mir und begann zu rauchen. Sie ließen mich in Ruhe einfach da sitzen und ankommen.
Von der etwas breiteren, unbefestigten Straße hörte ich Rufe und Lachen, dort saßen Menschen auf und ritten davon, begleitet von einheimischen Jugendlichen. Kamele standen in der Sonne, ihre Satteldecken mit breiten Hängetroddeln rot und gelb leuchteten durch die Zweige der niedrigen Bäume.
Zwei Brüder sind die Inhaber dieses Reitgeschäftes, das schon seit hunderten von Jahren besteht, wie ich zu hören bekam. Einer davon, Abdullah in der weißen Galabyia, ist der Inhalber des Duftladens. Nach dem Frühstück ließ er mich verschiedene Düfte riechen und tupfte sie mir abwechselnd an meine Ellenbogen und dann auch hinters Ohr, was sehr angenehm war.
Die Rede kam schließlich wieder auf mein ursprüngliches Anliegen zurück. Er hatte sich inzwischen zu meinem Bruder und mich zu seiner Schwester eingestuft und mir klar zu verstehen gegeben, dass ich hier bei ihm zuerst war und nicht bei seinem Konkurrenten, von dem ich sprach, denn ich wollte dort meine telefonische Verabredung einhalten. Selbstverständlich kannte er ihn. Er wollte mit mir nicht über den Reitpreis verhandeln und ich durfte auch nicht die Pferde sehen, sondern ich sollte mich vorher entscheiden, ob ich bei ihm reiten wolle oder bei einem fremden Mann, den ich nicht kenne und der nicht mein Bruder ist. Er würde für seine Freunde nur das Beste tun.
Ich hatte inzwischen mindestens die fünfte Tasse Tee getrunken, immer serviert von einem freundlichen, schweigsamen Diener und sagte ihm, dass ich in Ruhe eine Minute darüber nachdenken wolle. Danach sagte ich ihm, dass ich bei ihm reiten würde. Ich dachte mir, dass die Reitgelegenheiten wohl alle ziemlich ähnlich sind und ich ja wirklich nur einen telefonischen Termin mit einem Unbekannten habe und die Umstände dort gar nicht kenne. Natürlich kannte ich ihn auch nicht, aber ich wollte jetzt einfach reiten und ich dachte mir, dass bei seinem Nachbarn die Prozedur wohl so ähnlich ablaufen würde. Dazu hatte ich jetzt keine Lust mehr. Ich wollte aufs Pferd und in die Wüste!
Auf dem arabischen Klo hinter dem Besucherraum wollte ich mich umziehen. Ein Loch in der Ecke mit Myriaden von Fliegen erwartete mich. Der ganze Boden in dem kleinen Raum hinter der Tür, die nicht zu verschließen war, zeigte sich als Fläche voll mit Wasserpfützen und feuchtem Unrat ohne Möglichkeit, etwas irgendwo aufzuhängen oder hinzustellen.
Ich zog meine Reitkleidung an und tat das ganz bewusst. Ich hätte auch in Jeans, mit meinen schon zerfetzten silbernen Schuhen reiten können – so reiten alle, aber ich hatte die Reitkleidung extra von Deutschland mitgenommen und nicht wieder ausgepackt, trotz des Übergewichtes und nun wollte ich sie hier gleich beim ersten Mal anziehen, auch, wenn es völlig aus dem Rahmen fiel. So kam ich denn heraus, als Reiterin verkleidet und der Mann mit der weißen Galabyia übernahm die Verantwortung für den Inhalt meiner blauen Tasche, die ich doch auf dem Pferd nicht mitnehmen konnte. Mein Handy steckte er sich in seine Innentasche zu seinem Geld, meinen Geldbeutel mit den Ausweisen ließ ich in der kleinen Brusttasche meines Reithemdes verschwinden. Nun konnte ich das Pferd sehen, mit dem ich reiten würde. Ein brauner, schmaler Wallach unbestimmter Herkunft.  „It is a strong horse“, sagte Abdullah. Was er damit meinte, sollte ich nachher in der Wüste erfahren! Dann kam das Finanzgespräch. Ich wollte nun wirklich nicht reiten, bevor mir die Kosten klar waren. So setzte sich Abdullah mit mir in den Besprechungsraum. Mir gegenüber auf die Bank im Schneidersitz.
Nach einer umschweifigen Rede wollte er 300 Pfund. Das empfand ich als Anfangspreis als viel zu hoch. Ich sagte es ihm nicht, sondern dass ich dann heute nicht reiten könne, denn ich habe nur 200. Ich holte die zwei Hunderterscheine aus meinem Geldbeutel und gab sie ihm. Er sagte, das mache nichts, ich sei ja seine Schwester und so bin ich für 200 zwei Stunden mit Guide geritten. Er steckte die 200 rasch ein und ich dachte, das sind genau 25 Euro und war's zufrieden.
Und dann ging es los. Wir ritten Richtung Wüste. Es ging durch viele Gässchen. Die Menschen saßen vor den Eingängen mit ihren Ziegen, neben Bündeln von grünen Palmblättern, Ziegenfutter. Jungs johlten strahlend: „Welcome in Egypt“. Irgendwie genoss ich es, dass ich aus einer anderen Kultur komme, einen gewissen Abstand habe und den auch nicht verberge und trotzdem hier reite und mich einbringe. Ich empfand meine Kleidung und meine europäische Kultur wie einen Schutzmantel.
Es kamen uns in diesen Gassen viele Reiter entgegen, von der Wüste und den Pyramiden zurück. Es muss so halb zehn gewesen sein und die Sonne schien schon beträchtlich. Der Wind wehte kühl bei angenehmen Temperaturen um die 27 Grad. Kleine Geschäfte, dunkle Gassen nach rechts und links. Esel, Müllsammler, Unrat, vollständig verschleierte Frauen, die ich „Raben“ nenne, lehnten an der Hauswand. Diese Frauen tragen einen Nikap, der sie so verschleiert, dass nur ein Briefkastenschlitz in Augenhöhe als Tor zur Welt erlaubt ist. Daneben grellbunt gestrichene Autos unbestimmbaren Alters und die kleinen Lehmquader der Behausungen rechts und links des Weges, die längst die Betonhäuser abgelöst hatten. Sie wirkten auf mich angenehmer, als die riesigen hellen oder mit den Jahren grauschwarz gewordenen Betonhochhäuser, die überall als Monobaukultur die Stadt beherrschen. Lehmfarbe, die in eins übergeht in die Farbe der Wüste, als Lehmhaus aus ihr heraus geboren, zur Behausung für Mensch und Tier gestaltet. Angenehm für das Auge, mit weichen Konturen, zurückhaltend und zeitlos, lebendig in der Hand, gesund und Temperatur ausgleichend. Ja, in so einem Lehmhaus möchte ich auch wohnen, schoss es mir durch den Kopf. Lehm ist hier DER Baustoff. Lass mich ein Lehmhaus hier bauen. Was für ein Gedanke!
So ritten wir denn im Schritt hindurch und ich vergaß den Anlass und die Zeit. Eingewiegt vom Rhythmus des Pferdes hatte ich nur zu schauen und konnte im Moment des Vorbeireitens untertauchen in einen Tagtraum.
Dann waren wir in der Wüste. Sie breitete sich übergangslos aus, Hügel, Wege dazwischen, Pfade hinauf, hinunter. Weiter hinten Reiter, rechts die drei Pyramiden von Gizeh. Wir ritten im Schritt, dann im Trab und mein Pferd schmiss mich immer tüchtig in die Luft, sodass ich nur schwer den Rhythmus fand. Ich konnte auch nicht herausfinden, auf welchem Fuß es besser ging beim Leichttraben. Ich kam mir vor, als wippe ich oben herum und könne jeden Moment herunterfallen. Dann schnalzte der Guide, zischte leise und galoppierte los. Aber was für ein Galopp! Es war ein Losrasen. Ich setzte mich schnell in den Jagdgaloppsitz, aber da machte das Pferd, was es wollte und war nicht mehr zu bändigen. Ich setzte mich weit nach hinten, so wie ich es bei dem Guide und den anderen Einheimischen sah, die juchzend rechts und links in der Weite auftauchten und da legte das Pferd noch einen Zahn zu und ich dachte, mein letztes Stündlein hat geschlagen. Ein Höllenritt! Und ich blieb oben! Konnte das Pferd wieder beherrschen und zum Schritt bringen. Haijaijai! Das war noch mal gut gegangen. Aber so was hatte ich mir schon gedacht. Und hatte es auch gewollt! Nach dem ersten Schock war ich nur glücklich. Der Guide grinste. Gemütlich ritten wir weiter. Schritt, Trab, ab und zu ein Stück Galopp. Da ich es selbst bestimmen konnte und der Guide aufmerksam war, wurde es nicht nur ein Rasen oder Kämpfen mit dem Pferd, sondern es war auch Ruhe da. Die Pyramiden in ihren archaischen Konturen fast immer im Blickfeld, aber so weit entfernt, dass keine Menschen zu sehen und zu hören waren. Kairo erschien im Dunst unter einer höheren Wüstendüne. (weiter auf Seite 98)